Die Welt-Religion des Jesus von Nazaret

 

Jesus von Nazaret verstand sich als Repräsentant einer ganz anderen Art von Religion, als man sie zu seiner Zeit und in seiner Welt bislang kannte. Er vergleicht sie einmal mit einem neuen Stoff, mit dem man kein altes Gewand ausbessern, und mit neuem Wein, den man nicht in alte Schläuche füllen kann (2)1. Vom Judentum, dem er entstammt, grenzt er jenes Neue mit klaren Worten ab (13). Mit diesem steht sein religiöser Neuansatz ebenso wenig in Verbindung wie mit dem Christentum, das sich nach seinem Tod entwickelt und jenes Neue ignoriert, ja konterkariert und durch das Dogma von dem als Sühnopfer für unsere Sünden gekreuzigten Christus ersetzt hat.

Auslöser dieses gänzlich Neuen muss eine überaus beglückende persönliche Erfahrung gewesen sein. Sie dürfte sich zugetragen haben, nachdem Jesus sich zunächst wie ein Aussteiger aus der Welt zurückgezogen und Johannes dem Täufer und seiner Gemeinschaft angeschlossen hatte. In einer unwirtlichen Gegend am Rande der Zivilisation sah man dort einer neuen Welt entgegen, dem Reich, das Gott in Kürze aufrichten würde. Dann aber war Jesus, ein Mensch wie wir, auf dem Boden, im Acker der „alten“ Welt, ohne dass eine Gottheit eingegriffen hätte, auf einen unendlich kostbaren Schatz gestoßen (17). Er hatte – allerdings in ganz anderer Weise als erwartet – gefunden, wonach er sich gesehnt hatte: gutes, richtiges und beglückendes Leben in einer Welt, die ihm nicht mehr fremd, sondern zugetan ist. Mit anderen Worten: Ihm war aufgegangen, dass das Reich Gottes nicht erst noch kommt2, sondern dass man hier und jetzt daran teilhaben kann (21).

Es ist dieselbe Welt, aus der er sich einst zurückgezogen hatte, aber er sieht sie jetzt mit ganz neuen Augen. Er betrachtet sie nicht mehr als Außenwelt, mit der ihn nichts verbindet, ja die ihn abstößt, sondern nimmt – vollkommen anders – ihren Reich-Gottes-Charakter wahr. Wenn der Begriff Religion von dem lateinischen Verb religare, „zurückbinden“, „anbinden“, „verbinden“ abzuleiten ist, dann meint er in diesem Fall die Bindung des Menschen an die Welt. Leibhaftig verbunden sind wir mit ihr durch die Früchte der Erde, die uns nähren, durch das Licht und die Wärme der Sonne, durch das Wasser, Lebenselixier schlechthin, und die Luft, Odem des Lebens. Verbunden, ja verwandt sind wir nicht nur mit allen Menschen, sondern mit allem, was lebt. Jetzt enthüllt sich uns die Heiligkeit der Welt, ihr göttlicher Glanz.

Ganz selbstverständlich äußert sich unser Glück, in diesem „Garten Eden“ zu leben, in einer ihm gemäßen Lebensweise. Handlungsleitend sind nicht etwa Gesetze, Gebote, die zu befolgen wären, fremdbestimmte ethische Richtlinien oder dergleichen. Vielmehr ist es die beglückende Zugehörigkeit zu dieser Gotteswelt selbst, aus der sich ein ihr entsprechender Lebensstil unmittelbar ergibt. Jesus hebt drei wesentliche Grundstrukturen hervor:

Wer am Reich Gottes teilhat, erkennt in allen anderen Menschen seine Geschwister, denen es gut gehen soll, und ist für sie da (9). Man konkurriert nicht gegeneinander, will niemanden besiegen. Kein Mensch ist mehr Objekt. An Wettkämpfen, gar an Kriegen, auch gegen die Natur, wird man sich nicht beteiligen, denn dieses Miteinander und Füreinander gilt selbstverständlich nicht nur für die Menschenwelt, sondern für alles Leben. Es ist die Quelle der Glückseligkeit. Alle sollen gut und sicher leben können, unabhängig vom Maß ihrer Leistung (18).

Wer am Reich Gottes teilhat, erkennt die Schönheit des Genug (10). Jetzt kann und will man nicht nur deshalb nicht über mehr verfügen, als man braucht, weil so vielen Mitmenschen selbst das Allernötigste fehlt, sondern weil man im Einklang mit der Erde leben möchte: nur den Raum auf ihr beanspruchen, der einem entspricht, ihr in Freude und Dankbarkeit nur das entnehmen, was für ein gutes Leben unerlässlich ist. Jedes Zuviel zerstört das Glück einer weltverbundenen Existenz, schließt vom Reich Gottes aus (8). Wer zu viel besitzt, ist nicht in der Lage, das Fest des Lebens mitzufeiern (16). Reichtum und Reich Gottes sind unvereinbar.

Wer am Reich Gottes teilhat, nimmt wahr, mit allen und allem verbunden zu sein. Man verfügt jetzt über den „Sauerteig“ der Entobjektivierung, der das geschmacklose „Mehl“, als das einem die Welt zuvor erschienen sein mag, zu schmackhaftem Lebensbrot werden lässt (15). Wie ein Kind, das zu einer Objektivierung der Welt noch gar nicht in der Lage ist, ist man jetzt unmittelbar mit ihr verbunden (7).

Wenn Jesus den Kindern – doch wahrscheinlich auf Grund ihres unmittelbaren, nicht von Reflexion gestörten Zugangs zur Welt – die Teilhabe am Reich Gottes zuspricht und sie zu unseren Lehrmeistern erklärt, besagt das auch, dass eine (ihnen noch ganz fremde) Gottesvorstellung dafür nicht erforderlich, vielleicht sogar hinderlich ist3. Nichts steht jenseits, außerhalb oder über der Welt. Die Welt ist keine Schöpfung und damit Objekt, sie ist nicht etwas Vorläufiges („unerlöst“!) und damit Relatives, vielmehr die Quelle unserer Daseinsfreude, wenn wir sie als Reich Gottes erkennen. Selig sind die, die am Reich Gottes teilhaben, sagt Jesus (10). Es sind die, die im Einklang mit der Welt leben möchten und die Verbundenheit mit ihr als Glück empfinden4.

Die Saat dieser neuen Religion wird aufgehen, war Jesus überzeugt. Die Erde selbst wird dafür sorgen, wenn Menschen den Samen ausbringen (5). Nicht jedes Samenkorn reift und bringt Frucht, die allermeisten aber doch (4). Zwar scheint manchmal alles vergeblich zu sein, aber man soll sich nicht entmutigen lassen (12). Das Senfkorn wird wachsen und alles andere in den Schatten stellen (6). Wer nicht bei der Sache ist und bleibt, verliert die Orientierung (19). Jetzt, kraft der eigenen Teilhabe am Reich Gottes, ist man sogar in der Lage, andere von Verhaltensweisen zu befreien, die sich wie unüberwindlich erscheinende „dämonische“ Mächte gebärden (14): das Reich-sein- und Besitzen-Wollen, das Gewinnen- und Besiegen-Wollen, die Objektivierung der Welt zum Beispiel. Das Falsche, das Verkehrte ist jetzt entmachtet (20). Der Teufelskreis der Gewalt, er kann durchbrochen werden (11).

Gut leben sollen wir, alle Menschen auf dieser wundervollen Erde, ja alles Leben überhaupt. Ein Fest soll unser Leben sein. Für uns, nicht um fremden Autoritäten zu dienen, wurde ein wöchentlicher Ruhetag eingerichtet (3). Nicht einschränken lassen, sondern feiern werden wir jetzt unser Leben, unsere tiefe Verbundenheit mit der Welt (1).

Jesus war in dieser Hinsicht ganz sicher zu keinem Kompromiss bereit. Wir wissen nicht, weshalb er von Repräsentanten des römischen Imperiums gekreuzigt worden ist wie so viele, die deren Macht nicht anerkannten. Genau dies jedoch dürfte auch in seinem Fall der Grund dafür gewesen sein.

Doch seine neue Religion von der Präsenz des Reiches Gottes blieb noch eine Zeitlang virulent, bis sie unter die Räder der christlichen Religion geriet. Ein beredtes Zeugnis dafür ist jener uns im Markusevangelium überlieferte Jubelruf, der vermutlich nicht auf Jesus selbst, sondern auf Menschen zurückgeht, die sich seine Religion zu eigen gemacht hatten und sie auch nach seinem Tod propagierten: „Erfüllt ist die Zeit. / Gekommen ist das Reich Gottes. / Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“ (Markus 1,15)5

Glücklicherweise lassen sich heute mit den Methoden der historisch-kritischen Bibelwissenschaft aus einem sie verdunkelnden und verfälschenden Kontext jene 21 höchstwahrscheinlich authentischen Jesusworte identifizieren, die uns die Konturen dieser Religion heute wieder zu erkennen geben. Immer bedroht von der Macht, die das rationale, die Welt zu einem Objekt degradierende objektivistische Denken inzwischen gewonnen hat, erinnert uns diese weder jüdische noch christliche, gleichwohl manche Bezüge zu indigener Religiosität aufweisende Welt-Religion im wahrsten Sinn des Wortes an das, was unserem gemeinsamen Menschsein auf dieser einen Erde gemäß ist, an die Quelle unserer Glückseligkeit: eine nicht von der Welt isolierte und isolierende Existenzweise, sondern das Miteinander und Füreinander, die Verbundenheit mit allem Leben und allem, was uns Leben schenkt.

Claus Petersen

Druckvorlagen für zwei Faltblätter im DIN-A5-Format finden Sie hier und hier.


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