36. Kalenderwoche (2.–8. September 2019)
[heading]LEBENSMITTELVERNICHTUNG[/heading]
Im Überfluss produzierte Nahrungsmittel und ihre anschließende Vernichtung verweisen uns auf die vergessene Ur-Situation unserer leiblichen Existenz zurück: Zuallererst brauchen grundsätzlich alle Menschen Essen zum Sattwerden. Diese Ur-Situation muss die gesamte Lebensmittelproduktion bestimmen.
„Gepriesen seist Du, Herr, unser Gott, Schöpfer der Welt. Du schenkst uns das Brot, die Frucht der Erde und der menschlichen Arbeit: Lass es zum Brot des Lebens werden…
Gepriesen seist Du, Herr, unser Gott, Schöpfer der Welt. Du schenkst uns den Wein, die Frucht des Weinstocks und der menschlichen Arbeit. Lass ihn zum Wein des ewigen Reiches werden…“ (Aus der Eucharistischen Liturgie von Lima, 1982)
INFORMATIONEN
Einer Studie des Londoner Institution of Mechanical Engineers zufolge landen bis zu fünfzig Prozent der jährlich weltweit produzierten vier Milliarden Tonnen Lebensmittel im Müll. Das gilt auch für Fleisch. Nach Angaben der UN-Landwirtschaftsorganisation FAO wird knapp ein Drittel der weltweiten landwirtschaftlichen Nutzfläche dazu verwendet, Nahrung zu produzieren, die nicht gegessen, sondern weggeworfen wird. Fatalerweise landet das meiste ungegessene Essen weltweit auf Mülldeponien, wo es sich zersetzt und Methan produziert. Rund sieben Prozent des globalen Treibhausgas-Ausstoßes gehen auf dieses Konto. Das entspricht jährlich rund 3,3 Milliarden Tonnen CO2.
Jeder Europäer wirft im Jahr im Schnitt 95 Kilogramm Essen weg (in der EU sind es 88 Millionen Tonnen im Jahr), obwohl ein Großteil noch genießbar wäre. „Das Essen, das wir in Europa wegwerfen, würde zwei Mal reichen, um alle Hungernden der Welt zu ernähren“, so Stefan Kreutzberger und Valentin Thurn in dem von ihnen herausgegebenen Buch „Die Essensvernichter“ (Kiepenheuer und Witsch, Köln 2011). Weitere Informationen bietet die SAVE FOOD-Studie Global food losses and food waste, vom Jahr 2011, die erste europäische Studie zum Thema Lebensmittelabfälle in privaten Haushalten.
In Deutschland landen jedes Jahr 18 Millionen Tonnen an Nahrung im Müll, wie WWF-Experten in einer neuen Studie schätzen. „Im Schnitt werfen wir jede Sekunde 313 Kilo genießbare Nahrungsmittel weg“, sagte Referentin Tanja Dräger de Teran bei der Vorstellung der Studie Das große Wegschmeißen. Vom Acker bis zum Verbraucher: Ausmaße und Umwelteffekte der Lebensmittelverschwendung in Deutschland am 18. Juni 2015 in Berlin. Knapp 40 Prozent des Mülls falle in Deutschland in Privathaushalten an, hinzu kämen unter anderem Verluste bei der Produktion sowie in der Gastronomie.
Nach neuen Zahlen des Bundesernährungsministeriums verschwenden Privataushalte in Deutschland jedes Jahr 3,5 Millionen Tonnen Lebensmittel. Es folgen die Landwirtschaft mit 1,7 und die Lebensmittel verarbeitende Industrie mit 1,5 Millionen Tonnen sowie die Außer-Haus-Verpflegung, beispielsweise in Kantinen und Restaurants, mit rund einer Million Tonnen und der Handel mit 350.000 Tonnen. In der Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen-Bundestagsfraktion vom Juni 2017 verweist das Ministerium auf eine Zwischenbilanz des Forschungsprojekts „Wege zur Reduzierung von Lebensmittelabfällen“, das noch bis Mai 2018 läuft. Dann sollen endgültige Ergebnisse vorgelegt werden.
Valentin Thurn hat in seinem Film Taste the Waste den Umgang mit Lebensmitteln dokumentiert. Er kommt zu haarsträubenden Ergebnissen: Jeder zweite Kopfsalat wird aussortiert, jedes fünfte Brot aus den Läden muss entsorgt werden. In der Kartoffelsortieranlage AGRATA in Beelen, Westfalen, wird bis zu 50 Prozent der Kartoffelernte aus rein optischen Gründen aussortiert. Kartoffeln, die der offiziellen Norm nicht entsprechen, bleiben auf dem Feld liegen. Kleine Schönheitsfehler an ihnen entscheiden über ein Schicksal als Ladenhüter. Auf der Suche nach den Ursachen und Verantwortlichen deckt der Autor ein weltweites System auf, an dem sich alle beteiligen. Die weggeworfenen Lebensmittel würden locker ausreichen, um die rund 870 Millionen hungernden Menschen auf der Erde satt zu machen.
Weitere Literatur:
- Tristram Stuart, Für die Tonne. Wie wir unsere Lebensmittel verschwenden. Deutsch von Thomas Bertram, Verlag Artemis & Winkler, Mannheim 2011
- Daniel Anthes, Katharina Schulenburg, Weil wir Essen lieben. Vom achtsamen Umgang mit Lebensmitteln. Mit Rezepten für die Restküche, Oekom-Verlag, München 2018
ENGAGEMENT
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- Die Welternährungsorganisation FAO fordert, die weltweiten Verluste und die Verschwendung in den nächsten 15 Jahren auf die Hälfte zu reduzieren. RRR – Reduce, Redistribute, Recycle (deutsch: reduzieren, umverteilen, wiederaufbereiten) – heißt die neue Formel, statt eine Produktion weiter anzuheizen, die dann am Ende auf dem Müll landet.
- Die EU hat sich das Ziel gesetzt, die Menge der unnötigen Lebensmittelabfälle bis 2030 zu halbieren. Zu diesem Zweck hat die EU-Kommission die „Plattform für Lebensmittelverluste und -verschwendung“ mit Vertretern aus Politik und Wirtschaft gegründet.
- Mit der Kampagne Zu gut für die Tonne will das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz auf das Thema Wegwerfgesellschaft hinweisen. Die Internetseite gibt Tipps für Verbraucher zur Abfallvermeidung. Zusammen mit Greentable, dem Infoportal für nachhaltige Gastronomieangebote, wurde im März 2015 die Aktion „Restlos genießen“ ins Leben gerufen: Bundesweit werden 15.000 kompostierbare Reste-Boxen kostenfrei an Restaurants verteilt, die dadurch animiert werden sollen, ihren Gästen das einzupacken, was auf den Tellern liegen bleibt.
- Das vom Ernährungsministerium mitfinanzierte Projekt Refowas (Reduce Food Waste) untersucht, wo wie viele Lebensmittel aus welchem Grund in der Tonne landen.
- Französische Supermärkte dürfen unverkaufte Lebensmittel künftig nicht mehr einfach wegwerfen und ungenießbar machen. Die Nationalversammlung verabschiedete am 21. Mai 2015 in Paris einstimmig eine Regelung, wonach nicht vermeidbare Lebensmittelabfälle künftig gespendet, verarbeitet, als Tierfutter verwendet oder kompostiert werden müssen. Die inzwischen beendete Kampagne Leere Tonne forderte von der deutschen Politik, dem Beispiel Frankreichs zu folgen.
- Als zweites EU-Land will Italien gesetzlich gegen die Verschwendung von Lebensmitteln vorgehen. Einen entsprechenden Gesetzentwurf hat die erste Parlamentskammer Ende März 2016 mit großer Mehrheit verabschiedet, die Zustimmung des Senats steht noch aus.
- Am 12. September 2014 startete in Berlin die Initiative Genießt uns!, die sich gegen die Verschwendung von Lebensmitteln entlang der gesamten Wertschöpfungskette richtet. Organisatorische Träger sind der WWF Deutschland und die Deutsche Welthungerhilfe, Kooperationspartner der Initiative sind der Verein Foodsharing, der Bundesverband Deutsche Tafeln, United Against Waste, die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen sowie die Initiatoren Valentin Thurn (Film: Taste the Waste) und Stefan Kreutzberger (Buch: Die Essensvernichter). Finanziert wird die Initiative von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt.
- Wenn Verbraucher Lebensmittel wegwerfen, ist das nicht nur ein finanzieller Verlust – auch viel Energie geht verloren. Das zeigt der Resterechner, den die Verbraucher-Initiative ins Internet gestellt hat. Verbraucher können hier angeben, welches Lebensmittel und welche Menge sie entsorgen. Ein zweiter Klick auf eine Mülltonne zeigt, wie viel das Weggeworfene kostete und wie viel Energie dadurch verloren geht.
- Brot für die Welt.
- Slow Food.
- Die Initiative Foodsharing will zu einem verantwortungsvollen Umgang mit Lebensmitteln beitragen. Mit Hilfe öffentlich zugänglicher Kühlschränke oder Regale und über die Website der Bewegung teilen die Mitglieder seit 2012 Essen. Die Lebensmittel stammen aus Privathaushalten und Supermärkten. Auf der Internetplattform können überschüssige Lebensmittel schnell angezeigt und zur Abholung freigegeben werden. Wer Foodsharer werden möchte, kann sich hier anmelden. Inzwischen ist eine Plattform mit mehr als 80.000 registrierten Mitgliedern entstanden. Initiator der Website ist Valentin Thurn, der mit seinem Film „Taste the Waste“ 2011 erstmals auf das riesige Ausmaß der Lebensmittelverschwendung aufmerksam machte. Im ersten Jahr ihres Bestehens konnten über diese Plattform 25 Tonnen Lebensmittel „gerettet“, also an Interessierte abgegeben werden; andernfalls wären sie in die Abfalltonne gewandert. Bis 2016 wurden 460.000 Mal Lebensmittel abgeholt und somit circa zehn Millionen Kilogramm Essen verteilt.
Die Ökumenische Initiative Reich Gottes – jetzt! erinnert an die Botschaft Jesu von der Gegenwart des Reiches Gottes, von der Heiligkeit der Welt, in die wir eingebunden sind. Diese Weltverbundenheit befreit unmittelbar zu einem Lebensstil der Einfachheit, des Genug, des „Soviel du brauchst“.
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