Spinnen

Auf einem Hektar Wiese können bis zu sechs Millionen SPINNEN leben. Laubwälder beherbergen bis zu 400 Spinnen je Quadratmeter. Viele der über 800 in der Bundesrepublik nachgewiesenen Spinnenarten jagen nur in einem ganz bestimmten Lebensraum – manche am Boden, andere in der Vegetation darüber, im Gebüsch oder in höchsten Baumwipfeln, mit oder ohne Netz. Wegen dieser „Arbeitsteilung“ ist die Erhaltung ihrer Vielfalt äußerst wichtig. Ohne Spinnen wäre die ganze Erde in wenigen Wochen von Schädlingen kahlgefressen. Die in Deutschland lebenden Spinnen verzehren jedes Jahr eine Nahrungsmenge, überwiegend Insekten, die etwa so viel wiegt wie die gesamte deutsche Bevölkerung.  Forscher aus Deutschland, Schweden und der Schweiz haben hochgerechnet, dass alle Spinnen auf der Welt im Jahr zusammen zwischen 400 und 800 Millionen Tonnen Insekten und andere Kleinsttiere fressen. Sie berichteten darüber im Magazin The Science of Nature vom April 2017. Wissenschaftliche Berechnungen gehen davon aus, dass der gesamte Erdball unter einer mehrere Zentimeter dicken Schicht von Insekten ersticken würde, gäbe es keine Spinnen mehr. Die schon seit 400 Millionen Jahren existierenden Gliederfüßer sind extrem robust und anpassungsfähig (Wissenschaftler haben kürzlich in einem Bernstein, der aus einer abgelegenen Region in Myanmar stammt, eine rund 100 Millionen Jahre alte Spinne mit Schwanz entdeckt, womit sich das Tier von allen bekannten lebenden Spinnenarten unterscheidet; sie berichten darüber in der Zeitschrift Nature Ecology & Evolution 2, 614–622/2018). Laut dem „World Spider Catalog“ sind inzwischen mehr als 50.000 Spinnenarten bekannt. Die Fachwelt schätzt, dass bisher erst die Hälfte aller Spinnen entdeckt wurde.
Auch wenn die Erbauer meist gut versteckt sind – ihre Kunstwerke sind überall zu bewundern. Bis zu einen halben Meter im Durchmesser können die auffälligen Netze der bei uns noch häufigen Gartenkreuzspinne erreichen. Ein komplexes Geflecht aus Rahmenfäden, Naben, Hilfs- und Fangspiralen. Gebilde, die nicht nur Naturromantiker in Staunen versetzen.
Längst hat sich auch die Spinnenforschung der filigranen Gebilde angenommen. Damit so ein Radnetz zustande kommt, muss die Spinne allein für den Spiralfaden bis zu 17,33 Meter Spinnenseide und für die Rahmenfäden noch einmal 5,67 Meter aus ihren „Spinndrüsen“ herauspressen. Im Netz sorgen um die 1200 Anheftungspunkte der hauchdünnen Fäden für eine ordentliche Baustatik.
Je nach Funktion kann die Gartenkreuzspinne ganz verschiedene Fäden produzieren. Der voll recycelbare Naturfaden ist dabei von hoher Reißfestigkeit bei gleichzeitig großer Elastizität, wie sie von keinem anderen natürlichen oder künstlichen Material bekannt sind. Zur Produktion des Seidenfadens und Bau des Netzes bedarf es weder Techniker noch Architekten. Sie sind vielmehr das Ergebnis eines Jahrmillionen langen Ausleseprozesses. Das dabei entstandene Naturprodukt ist ein Kompromiss, bei dem Arbeitsaufwand, Spinnstoffverbrauch und Wirksamkeit der Netzfalle berücksichtigt werden.

Die Wasserspinne oder auch Silberspinne ist die einzige Spinnenart, die nicht an Land, sondern ausschließlich unter Wasser lebt. Ihr Verbreitungsgebiet erstreckt sich von den Britischen Inseln im Westen bis nach Japan im Osten.

Eine Wasserspinne baut sich gewöhnlich in der Uferzone eines Gewässers eine Art Taucherglocke, indem sie zwischen den Hinterbeinen Luftblasen nach unten transportiert, die dann von ihrem feinen Härchen-Gespinst am Körper unter Wasser gehalten werden. Wasserspinnen haben ein höchst ausgeklügeltes Luftversorgungs-System. Durch Messungen der Stoffwechselrate der Tiere und des Sauerstoffgehalts sowohl im Wasser als auch in der Luftblase stellten Forscher fest, dass der Unterschied des sogenannten Sauerstoffpartialdrucks zwischen innen und außen sehr groß ist. Außen ist dieser Druck, der Anteil des Gasdrucks, der durch den im Luftgemisch enthaltenen Sauerstoff erzeugt wird, sehr hoch, im Inneren sehr niedrig. Dadurch kann der Sauerstoff verhältnismäßig leicht aus dem Wasser ins Innere gelangen.

Dabei müssen die Wasserspinnen, wie sich jetzt herausgestellt hat, deutlich seltener aus ihrer Unterwasserbehausung an die Oberfläche auftauchen als gedacht. Bisher galt die Annahme, dass sie etwa zwei bis dreimal in der Stunde Luft nachtanken. Tatsächlich können es die Tiere aber mehr als einen Tag in der von ihnen gebauten Luftglocke aushalten. Selbst unter schlechtesten Bedingungen, in stehendem, warmem Wasser, kommen die Spinnen mit dem Sauerstoff zurecht. Der Gasaustausch des Luftdepots mit dem umgebenden Wasser reicht aus, um den Bedarf einer ruhenden Spinne zu decken, berichteten Stefan Hetz von der Humboldt-Universität zu Berlin und sein Kollege Roger S. Seymour von der University of Adelaide im Jahr 2011 im „Journal of Experimental Biology“. Der limitierende Faktor, warum die Spinnen doch ab und an Frischluft von der Oberfläche des Gewässers holen müssen, ist nicht der Sauerstoff, sondern der Stickstoff. Dieser bewegt sich im Gegensatz zum Sauerstoff aus der Blase ins Wasser, so dass diese mit der Zeit schrumpft. Wird sie zu klein, ist die Blasenoberfläche nicht mehr groß genug für einen ausreichenden Sauerstoffaustausch, und die Spinne muss nachtanken.

Wasserspinnen bevorzugen saubere Seen oder langsam fließende Gewässer. Da die Wasserqualität vielerorts durch Gülle und Pestizide aus der Landwirtschaft beeinträchtigt ist, ist der Bestand stark rückläufig. Sie steht auf der Roten Liste der gefährdeten Arten in der Kategorie „stark gefährdet“.

Seit dem Jahr 2000 wird jährlich durch die Arachnologische Gesellschaft die Spinne des Jahres ausgerufen, um auf die Gefährdung dieser Tiere und ihrer Lebensräume aufmerksam zu machen. Europäische Spinne des Jahres 2024 (und zugleich Höhlentier des Jahres 2024) ist die Gefleckte Höhlenspinne.


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