Kapitel 49

RICHTIG LEBEN – HIER UND JETZT

DIE WELT-RELIGION JESU

BASISKURS BASILEIOLOGIE

 

 

Folgerungen, Konkretionen, Vertiefungen:

Vom objektivistischen Sehen zum Wahrnehmen unserer Verbindung und Verflechtung mit der Welt

 

Schön war die Welt, wenn man sie so betrachtete,
so ohne Suchen, so einfach, so kinderhaft.
Schön war Mond und Gestirn, schön war Bach und Ufer,
Wald und Fels, Ziege und Goldkäfer, Blume und Schmetterling.
Schön und lieblich war es, so durch die Welt zu gehen,
so kindlich, so erwacht, so dem Nahen aufgetan, so ohne Misstrauen.

Hermann Hesse, Siddhartha. Eine indische Dichtung (1953)

 

Ein Rabbi fragt seine Schüler, wann denn die Nacht enden und der Tag beginnen würde.
Nach kurzem Überlegen antwortet einer der Befragten:
„Nun, vielleicht dann, wenn ich einen Hund von einem Schaf unterscheiden kann.“
Der Rabbi schüttelt verneinend den Kopf.
Darauf meldet sich ein anderer zu Wort:
„Könnte es sein, dass es schon so hell sein muss, dass ich einen Feigen- von einem Dattelbaum unterscheiden kann?“

Der Rabbi ist auch mit dieser Antwort nicht einverstanden und erwidert:
„Nein, erst dann endet die Nacht und beginnt der Tag,
wenn ich im Gesicht jedes Menschen meinen Bruder, meine Schwester erkenne.“

 

 

Das Reich Gottes wird erfahrbar und wir haben daran teil – was ein und dasselbe ist –, wir haben zum wirklichen, echten und guten Leben zurückgefunden, wenn die Weltentfremdung überwunden, wenn unsere Weltdistanz aufgehoben, wenn die Welt nicht mehr Kulisse, Ressource, Gegenstand ist, sondern wir in ihr unsere Mitwelt wahrnehmen.

Ich will versuchen, den fundamentalen Unterschied zwischen dem ersten und dem zweiten „siehe“, anders gesagt: zwischen dem „Sehen“ und dem „Wahrnehmen“ anhand zum einen eines Bildes, zum anderen eines Textes aufzuzeigen.

 

Das Sehen

 

Das Bild stammt von Pablo Picasso, wurde nach neun Monaten Arbeit im Jahr 1907 vollendet, misst 2,44 mal 2,34 Meter, ist also mehr als mannshoch. Ein Kritiker gab ihm ein Jahrzehnt später den Titel „Les Demoiselles d’Avignon“, die Damen im Bordell der Avignon-Straße in Barcelona (Picasso selbst verlieh seinen Werken in der Regel keine Titel, um die Begegnung mit ihnen nicht einzuengen, um nicht sogleich zu einem objektivistischen Sehen zu verleiten). Fünf sich nackt darbietende Prostituierte richten ihre Augen auf den Betrachter, die Betrachterin, ihren potenziellen Konsumenten, ihre potenzielle Konsumentin. Sie sind seine, sie sind ihre Ware. „Und Verdinglichung hat sich hier in der Form niedergeschlagen. Vordergrund und Hintergrund des Bildes sind oft ununterscheidbar, die fleischfarbenen Figuren gehen wie Mobiliar in den Raum ein. Figuren und Raum bestimmen sich gegenseitig und befinden sich in einem dem bloß optischen Realismus nicht mehr erklärbaren, unbequemen Verhältnis.“ (Ich entnehme dieses Zitat wie auch den Grundansatz dieser mich sehr ansprechenden und überzeugenden Interpretation dieses Ölgemäldes dem Aufsatz: „Malen ist Schreiben. Vor fünfzig Jahren starb der Künstler und Kommunist Pablo Picasso“ von Stefan Ripplinger in der „Jungen Welt“ vom 8. bis 10. April 2023). Wie Angebote in einem Schaufenster präsentieren sich diese fünf Frauen, beziehungslos nebeneinanderstehend oder -sitzend, ihre Gesichter maskenhaft, ihre Augen starr und weit aufgerissenen. Sie erwarten den taxierenden Blick dessen, der oder die vor ihnen steht. Dieses Bild mit den lebensgroß dargestellten Sexarbeiterinnen entreißt nicht nur die bis zum Äußersten getriebene Vergegenständlichung der Welt, in der Menschen nicht nur ihre Produkte, sondern sich selbst als fremde, entfremdete Ware verkaufen, ihrer Verbrämung, ihrer Verleugnung, ihrer Konventionalität. Es legt auch offen, wie es dazu kommen konnte: durch den lediglich Gegenstände sehenden Blick des Menschen, der vor diesem Ölgemälde steht. Das Bild entlarvt das oft schon selbstverständlich gewordene objektivierende Sehen des Betrachters, der Betrachterin als wenig menschlich, ja als unmenschlich: Die prüfend betrachtenden Blicke stoßen auf Augen, die keinerlei Verbindung zu dem oder der sie Ansehenden erkennen lassen. Dieses Sehen zerstört den Menschen und die Welt. Menschen werden zu Waren, zu Humankapital, Tiere zu Fleischwaren, die Erde zur Rohstoffquelle, der Boden zum intensiv genutzten Produktionsmittel, Wälder zu Holzplantagen, der Himmel zum Raum schnellstmöglicher Fortbewegung. Auf diese Weise erschließt sich das Reich Gottes nicht. Niemals lässt es sich auf diesem Wege finden. Mit einem „siehe: hier!, oder: dort!“ auf den Lippen wird es sich nicht öffnen.

 

Das Wahrnehmen

 

Glücklicherweise ist uns allen ein ganz anderes Sehen keineswegs fremd. Nicht nur Pablo Picasso kannte es, sonst hätte er mit seinem berühmten Gemälde jenes falsche Sehen nicht thematisieren können. Wir sind in der Lage, zu ihm zurückfinden. Bleiben wir beim eben als Gegenstand objektivistischen Sehens erwähnten Himmel. Es gibt – und wir kennen vermutlich – noch eine ganz andere Weise, ihn zu „sehen“. Ihr ist der folgende Text gewidmet. In Worte gefasst hat dieses Wahrnehmen der französische Philosoph Maurice Merleau-Ponty (1908–1961). Sie sind seinem großen, erstmals im Jahr 1945 veröffentlichten Werk „Phänomenologie der Wahrnehmung“ entnommen:

„Ich, der ich das Blau des Himmels betrachte, stehe nicht ihm gegenüber als ein weltloses Subjekt, ich bin nicht gedanklich in seinem Besitz, entfalte nicht ihm zuvor eine Idee von Blau, die sein Geheimnis mir entschlüsselte; ich überlasse mich ihm, ich versenke mich in dieses Geheimnis, es ‚denkt sich in mir‘, ich bin der Himmel selbst, der sich versammelt, zusammennimmt und für sich zu sein sich anschickt, mein Bewusstsein ist verschlungen von diesem grenzenlosen Blau.“ (Maurice Merleau-Ponty, Phänomenologie der Wahrnehmung. Aus dem Französischen übersetzt und eingeführt durch eine Vorrede von Rudolf Böhm, Berlin 1966, S. 252)

Jetzt ist der Himmel nicht von mir getrennt. Ich betrachte sein Blau nicht wie durch ein Schaufenster. Ich bemächtige mich nicht seiner durch meinen Blick. Vielmehr bin ich Welt wie er. Er ist kein Gegenstand meines Bewusstseins. Ich denke ihn nicht, ich denke nicht über ihn nach. Ich begutachte ihn nicht, als ob er mir gehörte, sondern nehme wahr, dass er zu mir gehört und ich zu ihm. Sein Blau ist für mich unantastbar, es ist mir heilig.

 

Wo ist das Reich Gottes? Wo findet es sich?

 

Alles hängt davon ab, wie wir die Welt sehen, auf welche Weise wir in ihr existieren. Als Kinder waren wir noch Teil von ihr. Wir waren ihr noch nicht entfremdet. Mit wachen Sinnen nahmen wir sie wahr, bewegten uns in ihr als unserem Zuhause, äußerten unsere Bedürfnisse in der sicheren Erwartung, dass sie nicht unerfüllt blieben. Dann aber – wahrscheinlich nicht immer schon in der Geschichte der Menschheit und auch heute wohl nicht überall, ich denke an die wenigen indigenen Völker, die sich ihre ursprüngliche Lebensweise vielleicht noch bewahren konnten – setzt die Entfremdung ein. Die Welt wandert gleichsam aus uns aus und wir aus ihr. Sie wird zum Gegenstand – des Wissens, der Forschung, zum Objekt der Aneignung. Unsere Verbindung zu ihr reißt ab. Als ob wir es darauf anlegen, unsere Verflochtenheit mit ihr zu lösen. Jetzt sehen wir sie mit anderen Augen. Wir leben in ihr, als ob wir Fremdlinge, Fremdkörper wären. Die Welt – einschließlich der Menschen, wir selbst nicht ausgenommen – wird zur Ware. Sie wird privatisiert, sie wird kapitalisiert, sie wird von den Reichen und Mächtigen mit ihren Einflussmöglichkeiten in der Weise geformt, verformt, dass alles ihrem Bestreben dient, sie in Kapital zu verwandeln, um eine möglichst hohe Rendite einzuheimsen. Wer es nicht wieder verlernt, die Welt mit solch taxierenden, allein auf Aneignung ausgerichteten Augen zu sehen, wird das Reich Gottes, wird das richtige, das gute, das wirkliche Leben nicht finden.

Aber kein Mensch hat das ganz andere Sehen völlig vergessen. Immer noch berühren uns andere Menschen, bewegt uns ihr Leid und fordert uns heraus, erreicht uns ihre Freude, erhellt ihr Glück, gerade auch das der Kinder, auch unser Leben. Wir können nicht leben ohne die Tiere und Pflanzen, ohne den Boden unter uns, das Wasser, die Luft, den Himmel über uns, und nehmen dies auch wahr. Mögen die Medien auch ungeheure Summen investieren, um uns dieses andere Sehen auszutreiben und endlich abzugewöhnen – wir haben es noch nicht verlernt. Die Einsicht in den grundlegenden Unterschied, der Welt zu begegnen, wie ihn die folgenden Worte noch einmal auf den Punkt bringen, muss uns nicht mühsam aufgezeigt werden, wir sind noch zu dem anderen Sehen fähig und ahnen zumindest, dass allein dieses Sehen uns Menschen gemäß ist: „Das objektivistische Sehen konstituiert das Vorgegebene als Gegenstand und findet in ihm immer nur das vor, was es selbst in es hineingelegt hat. Im medialen [= wahrnehmenden; C.P.] Sehen dagegen versucht der Blick nicht, die Dinge in den Griff und unter seine Herrschaft zu bringen. Er geht eine Beziehung ein, die im Abtasten der Dinge besteht und sie nicht festlegt.“ (Hans Bischlager, Die Öffnung der blockierten Wahrnehmung. Merleau-Pontys radikale Reflexion, Bielefeld 2016, S. 155f.)

 

Mitten unter euch, hier und jetzt!

 

„Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch.“ Wirkliches, richtiges, gutes Leben ist möglich, ein Leben in ganz konkreter, tagaus, tagein praktizierter Verbundenheit mit unserer Mitwelt. Das einzigartige Glück, die Seligkeit, in diesem Zusammenhang zu existieren, das muss es sein, was Jesus – ganz neu, für viele noch unbegreiflich, aber für alle Menschen dieser Erde gültig – „Reich Gottes“ nennt.

Claus Petersen

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