Kapitel 48

RICHTIG LEBEN – HIER UND JETZT

DIE WELT-RELIGION JESU

BASISKURS BASILEIOLOGIE

 

 

„…mitten unter euch“

Die Reich-Gottes-Botschaft Jesu (Lukas 17,20b–21)

Das letzte der 21 Jesusworte

 

Diese die Reihe der 21 Jesusworte abschließenden Sätze, die wiederum nur im Lukasevangelium überliefert sind, können in ihrer Bedeutung kaum überschätzt werden. Sie sind gewissermaßen die Quintessenz all dessen, was die bisher behandelten 20 Texte auf ihre je eigene Weise über das große Thema Jesu zum Ausdruck gebracht haben. Und es sind die einzigen Worte, mit denen sich Jesus direkt, nicht in Form eines Bildworts oder Gleichnisses, über das Reich Gottes äußert.

 

Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man es beobachten könnte;
man wird auch nicht sagen: siehe, hier! oder: dort!
Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch.

 

Es ist „mitten unter euch“, es ist da, es ist Gegenwart. Darauf läuft es auch hier hinaus. Das ist die ganz neue Botschaft Jesu. Besonders kraftvoll und in geradezu größtmöglicher Eindeutigkeit bestätigt dieses letzte im Neuen Testament überlieferte Jesuswort noch einmal, dass diejenigen, die vermutlich erst nach seinem Tod in ihrer Weise die Botschaft Jesu aufs Neue proklamierten, deren Kern bewahrt haben: „Erfüllt ist die Zeit! Gekommen ist das Reich Gottes! Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“ (Markus 1,15)

Wie aber ist dieses „mitten unter euch“ gemeint? Wie kann man von der Gegenwart des Reiches Gottes sprechen, wie kann man behaupten, dass es da ist in einer Welt, die damals wie heute doch unmöglich „Reich Gottes“ genannt werden kann? Genau dazu nimmt Jesus hier Stellung. Es ist von fundamentaler Wichtigkeit, ihm jetzt ganz genau „zuzuhören“. Denn mit eben dieser Frage ist offensichtlich auch Jesus schon konfrontiert worden: Wo ist es denn, das Reich Gottes, von dem du immer so sprichst, als sei es schon präsent?

Jesus beantwortet diese Frage. Nur wenn man dieser Antwort folgen kann, auf keine andere Weise, erschließt sich das absolut zentrale „mitten unter euch“, das dieses Jesuswort abschließt und gleichzeitig die Reihe der 21 Jesusworte zu ihrem Höhepunkt führt. Seine Erwiderung – und darum wird es sich wahrscheinlich handeln – besteht zunächst aus lauter sich gegenseitig verstärkenden Verneinungen: Man kann das Reich Gottes nicht beobachten wie einen Kometen, wie einen Vogelschwarm, aus einer mehr oder weniger großen Distanz heraus prüfend betrachten wie beispielsweise einen Raketenstart oder die Sprengung eines Gebäudes, man kann nicht von außen mit dem Finger darauf zeigen und sagen: schau, hier! oder: sieh mal, dort! Mit dieser uns Erwachsenen schon so selbstverständlich gewordenen objektivierenden Herangehensweise bleibt uns das Reich Gottes verschlossen. Es kommt nicht von anderswoher auf uns zu und man kann es auch nicht selbst herstellen. Wie aber findet man es dann?

Indem man auf eine vollkommen andere Weise schaut, sieht, wahrnimmt. Um das Reich Gottes zu finden, gilt ein zweites, durch das „denn“ von dem ersten klar abgesetztes, ein auf keinen Fall mit ihm zu verwechselndes, ein ganz neues „siehe“: Das Reich Gottes ist – niemals außerhalb von euch, niemals etwas, das ihr unbeteiligt betrachten, prüfend beobachten könnt, vielmehr – mitten unter euch. Wer in ihm lebt, nimmt es wahr.

Das aber geschieht. Die bisher behandelten Jesusworte, insbesondere das „Vorbild“ der Kinder, denen Jesus das Reich Gottes unmittelbar zuspricht, und seine Seligpreisung der Armen, geben uns Orientierung. Wir leben „im Reich Gottes“, wenn die Art und Weise, wie wir existieren, wenn unser Lebensstil zum Ausdruck bringt, dass wir unsere Mitwelt wie ein Netz empfinden, das uns trägt und dessen Teil wir zugleich selber sind. Jetzt gilt nicht mehr das erste „siehe“ – dieses von sich selbst abweisende „siehe: hier!, oder: dort!“ –, sondern jenes zweite „siehe“, das uns selbst immer mit umfasst. Arm und Zeigefinder deuten nicht von uns weg, vielmehr breiten wir bei diesem völlig anderen „siehe“ unsere Arme aus, als ob wir die ganze Welt umfangen wollten, weil wir nur zusammen mit ihr sind, was wir sind. Die Welt und ihre Erscheinungsformen sind keine Gegenstände mehr, keine Fremdkörper, keine Objekte, die wir mit unserem Kopf, mit unserem Verstand, mit unserer Ratio lediglich registrieren, sondern, so „gesehen“, auf diese Weise mit unserem ganzen Menschsein wahrgenommen, das Medium unseres Lebens, das Fluidum, in dem und durch das wir existieren. Die Weltverbundenheit ist es, die unsere Existenz ausmacht. Jetzt bewachen, beschützen und bewahren wir die Welt.

Es ist ein Sehen nicht nur mit unseren Augen, sondern mit unserem ganzen Leib, mit unserem ganzen Menschsein. Dieses andere, neue Sehen lässt uns wahrnehmen, dass wir mitten im Reich Gottes existieren. Es vermittelt nicht den Zugang zum Reich Gottes, vielmehr ist es bereits selbst der Ausdruck unserer Teilhabe an ihm. Es ist ein Sehen, das unsere ganze Lebenspraxis durchdringt und bestimmt. Die Welt ist uns nicht mehr gegenüber, sie ist nicht mehr außerhalb von uns, vielmehr sind wir in sie eingebettet. Jetzt leben wir zusammen mit der Welt, und zwar ganz konkret. Jetzt erst leben wir wirklich.

 

Zwei Nachbemerkungen

 

(1) „Mitten unter euch“, nicht „inwendig in euch“

Reich Gottes ist immer „welthaltig“, also gerade keine geistige, rein individuelle, innerliche Wirklichkeit. „Nirgendwo im antiken Judentum noch sonst im Neuen Testament finden wir die Vorstellung, dass die Königsherrschaft Gottes inwendig im Menschen, etwas im Herzen Befindliches sei; ein solches spiritualistisches Verständnis ist sowohl für Jesus als auch für die urchristliche Überlieferung ausgeschlossen.“ (Joachim Jeremias, Neutestamentliche Theologie. Erster Teil: Die Verkündigung Jesu, Gütersloher Verlagshaus Gerd Mohn, Gütersloh 1971, S. 104) Leider hat die so einflussreiche Übersetzung Martin Luthers über Jahrhunderte hinweg dieses Missverständnis nahegelegt. Er übersetzte den zugrunde liegenden griechischen Ausdruck, der mit „unter euch“, wörtlich „innerhalb, im Bereich von euch“ wiederzugeben wäre, im sogenannten Septembertestament von 1522 mit den Worten „das reych Gottis ist ynnwendig ynn euch“. Weil für Luther die aus den Briefen des Paulus abgeleitete Überzeugung von so fundamentaler Bedeutung war, dass der Mensch nicht durch gute Werke vor Gott gerecht werden kann, sondern allein durch den Glauben an das durch den Kreuzestod Jesu erwirkte Heil, versteht er unter dem Reich Gottes die innere Welt des Glaubens, die von allem Äußeren, Welthaften, vor allem von den Werken des Menschen vollkommen unabhängig ist. Erst nach 434 Jahren, mit der Revision der Lutherbibel von 1956, wurde dieses der Reich-Gottes-Botschaft Jesu inadäquate, ja direkt zuwiderlaufende Missverständnis endlich korrigiert.

 

(2) Die folgenden Verse konterkarieren das Jesuswort – bis heute

Fatalerweise folgt auf Vers 21 in den Versen 22 bis 37 eine längere, Jesus in den Mund gelegte apokalyptische Rede. Durch die Worte „Er aber sprach zu seinen Jüngern“ ist sie zwar von Vers 21 abgesetzt, was – neben gravierenden inhaltlichen Differenzen – darauf hinweist, dass dieser unmittelbare Zusammenhang gerade nicht besteht, gleichwohl gewinnt man den Eindruck (oder soll ihn gewinnen), Jesus schließe die folgenden Worte direkt an das zuvor Gesagte an. Und weil Vers 23 zudem Formulierungen des 21. Verses aufnimmt, gerät dessen klare Botschaft unter Druck. Jetzt nämlich geht es nicht mehr um die Gegenwart – Vers 21 endete mit dem griechischen Wort estín, es ist (nämlich „mitten unter euch“, und zwar das Reich Gottes) – , sondern um die Zukunft: Das erste Wort der „Jesus“-Rede in Vers 22 lautet eleúsontai, „es werden kommen„, nämlich die Tage, an denen der Menschensohn, also Jesus, wieder erscheinen wird. Diese Wiederkunft werde sich blitzartig, also völlig überraschend vollziehen (Vers 24). Dabei greift „Jesus“ angeblich – und dies zeigt den manipulativen Charakter dieser Verse – mit dem „Siehe, dort!, oder: Siehe, hier!“ (Vers 23) auf eine Formulierung zurück, die er kurz zuvor (Vers 21) bereits verwendet hat. Nur haben sie hier eine völlig andere Funktion: Sie weisen nicht wie dort ein objektivistisches Reich-Gottes-Verständnis zurück, sondern warnen davor, vorschnell denen Glauben zu schenken, die meinen, das Kommen des Menschensohns bereits festgestellt zu haben. An immer neuen Beispielen wird dann gezeigt, wie völlig unerwartet sich dieses Kommen (und das damit verbundene Gericht) ereignen wird.

Nun aber wurde in der neutestamentlichen Wissenschaft, was wir ähnlich schon bei den Seligpreisungen beobachtet haben, dieser mit den Versen 20b.21 völlig unvereinbare nichtjesuanische Zusatz unvermittelt zu dessen Interpretationsgrundlage. So erfüllt Lukas 17,21 für Rudolf Bultmann (1884–1976) zunächst in geradezu klassischer Weise die beiden wichtigsten Kriterien, die die Echtheit dieser Worte, also ihren jesuanischen Ursprung, zumindest sehr wahrscheinlich machen. Was entscheidend dafür spräche, dass eine Aussage Jesus erst nachträglich zugeschrieben worden wäre, nämlich „dass jüdisches Gut von der christlichen Tradition übernommen und Jesus in den Mund gelegt ist“ (Rudolf Bultmann, Die Geschichte der synoptischen Tradition, Göttingen 1964, 6. Auflage, S. 132, Hervorhebung im Original), das ist in Lukas 17,21, worauf Bultmann sich ausdrücklich bezieht, gerade nicht der Fall: „Mit ihrer Ablehnung der apokalyptischen Berechnung heben sie [eben die Worte in Lukas 17,21; C.P.] sich von den typischen Endweissagungen und Mahnungen ab, so dass jüdischer Ursprung für sie wenig wahrscheinlich ist“ (ebd. S. 133). Ein zweites Echtheitskriterium sei der fehlende Bezug auf die Person Jesu und die frühe christliche Gemeinde: Die „Frage nach der Möglichkeit christlichen Ursprungs (…) wird umsomehr zu verneinen sein, je weniger die Beziehung auf die Person Jesu und auf die Geschicke und Interessen der Gemeinde wahrzunehmen sind“ (ebd. S. 135). Auch dieses Echtheitskriterium ist für Bultmann unter anderem in Lukas 17,21 erfüllt (ebd.). Er hält Lukas 17,20f. mit Ausnahme der sekundären Einkleidung denn auch für ein echtes Jesuswort (ebd. S. 24 und S. 128). Gleichwohl verkennt Bultmann den eindeutig präsentischen Charakter der Aussage Jesu vollkommen. Obwohl die folgenden Worte die genannten Echtheitskriterien nicht erfüllen, also – vom Wortlaut einmal abgesehen – keinesfalls für die Deutung der Verse 20f. in Anspruch genommen werden dürfen, hält er die Verse 23 und 24 für eine „Variante des vorigen Wortes“ mit dem einzigen „Unterschied, daß statt vom Kommen [(!), C. P.] des Reiches hier von dem des Menschensohnes die Rede ist“, und sieht keinen Grund, sie Jesus abzusprechen. So interpretiert er das Jesuswort in Vers 21 unter ausdrücklichem Verweis auf den folgenden Text in dessen Sinn, wenn er die Plötzlichkeit, den Überraschungseffekt ins Zentrum stellt, mit dem das Reich Gottes unberechenbar und unerwartet Realität werden wird: „… wenn das Reich Gottes kommt, wird man nicht mehr fragen und suchen, sondern mit einem Schlage ist es inmitten der Toren da, die noch sein Kommen berechnen wollten“ (ebd. S. 128).

Auf geradezu abenteuerliche Weise missbraucht der Neutestamentler Joachim Jeremias (1900–1979) die auf Vers 21 folgenden Verse, um die Jesusbotschaft von der Präsenz des Reiches Gottes abzuwehren. Zwar sei griechische ἐντὸς („mitten unter“) keinesfalls mit „inwendig in“ übersetzt werden („Nirgendwo im antiken Judentum noch sonst im Neuen Testament finden wir die Vorstellung, daß die Königsherrschaft Gottes inwendig im Menschen, etwas im Herzen Befindliches sei; ein solches spiritualistisches Verständnis ist sowohl für Jesus als auch für die urchristliche Überlieferung ausgeschlossen.“) Aus den Versen 23 und 24 folgert er jedoch, dass „das ἐστίν [‚es ist‘; C. P.] in V. 21b in die gleiche zeitliche Sphäre (gehört) wie das ἔσται [‚es wird sein‘; C. P.] in V. 24. (…) V. 21b muss mithin wie V. 24 eschatologisch verstanden und übersetzt werden: ‚…wird (plötzlich) in eurer Mitte sein.’“ (Joachim Jeremias, Neutestamentliche Theologie. Erster Teil: Die Verkündigung Jesu, Gütersloh 1971, S. 104) Wie Bultmann geht er – trotz des unterschiedlichen Tempus und der ganz anderen Thematik (dort das Reich Gottes, hier der Menschensohn) – von einer doppelten Überlieferung desselben Jesuswortes aus (ebd. mit Anm. 19).

Das jüngste Beispiel für die Aushebelung des Jesusworts in Lukas 17,20b.21 durch die ihm folgende nichtjesuanische apokalyptische Rede ist die Auswahl der Texte für die Gottesdienste und Bibelarbeiten auf dem 38. Deutschen Evangelischen Kirchentag vom 7. bis 11. Juni 2023 in Nürnberg. Dieser stand unter dem Motto: „Jetzt ist die Zeit! (Mk 1,15)“, die Kirchentagsübersetzung des πεπλήρωται ὁ καιρὸς, wörtlich „erfüllt ist die Zeit“, wobei hier, anders als in der Übersetzung Martin Luthers („Die Zeit ist erfüllt“), der durch die bewusste Voranstellung des Verbs besonders betonte zeitliche Aspekt aufgenommen worden ist und durch das „Jetzt“ prägnant zur Geltung kommt. Während im Markusevangelium, wie aus der Fortsetzung („gekommen ist das Reich Gottes“) ganz eindeutig hervorgeht, die Präsenz des Reiches Gottes gemeint ist, die das Kirchentagsmotto gleichsam aufs Neue proklamierte, vermittelten die ausgewählten Bibeltexte, die zusammen mit der Losung festgelegt wurden und diese „aufgreifen und ergänzen“ sollten, einen ganz anderen Eindruck. Als ob das „Jetzt“ bewusst abgewertet oder gar abgewehrt werden soll. Vor allem, wenn man die Auswahl des Textes für die dritte Bibelarbeit zur Kenntnis nimmt, kann man sich diesem Eindruck kaum entziehen: Lukas 17,20–25, der einzige der ausgewählten Texte, der mit Vers 20b–21 überhaupt ein Jesuswort enthält, und noch dazu eines, das wie kein anderes das „Jetzt ist die Zeit“ zum Thema hat. Schon das Thema, unter dem die Verse im Programm erscheinen, macht alles klar. Sie stehen nicht etwa unter der Überschrift „Mitten unter euch“, sondern: „Die Zeit wird kommen“, den ersten Worten der Jesus fälschlich zugeschriebenen, in Vers 22 beginnenden Rede. Man begnügte sich nicht mit dem Jesuswort und ließ es in seinem Glanz erstrahlen, sondern fügte ihm auch den folgenden Abschnitt an, mit dem er gleichsam selbst den Kern seines Evangeliums nicht nur in Frage stellt, sondern wieder zurücknimmt. Durch die Überschrift unterstrich man ihn auch noch – und strich die Verse 20.21 damit durch.

 

(3) Die Deutung des entós hymōn („mitten unter euch) in Lukas 17,21 in den Jesusbüchern von Gerd Theißen und Annette Merz (Der historische Jesus. Ein Lehrbuch, 4. Auflage, Göttingen 2011, hier „A“; Wer war Jesus? Der erinnerte Jesus in historischer Sicht. Ein Lehrbuch, Göttingen 2023, hier „B“)

Lukas 17,21 auf Grund der folgenden apokalyptischen Sätze futurisch zu verstehen, kommt für Gerd Theißen (* 1943) und Annette Merz (* 1965) in ihren Jesusbüchern nicht in Frage. Vollkommen zu Recht stellen sie fest: „Die Plötzlichkeit des Kommens der Gottesherrschaft ist aus dem nachfolgenden Kontext eingetragen.“ (A S. 239, B S. 242) Dennoch finden auch sie keinen Zugang zu dem für Jesus so kennzeichnenden präsentischen und ganz konkreten Verständnis des Reiches Gottes. Während sie im früheren Jesusbuch das ἐντὸς ὑμῶν mit „mitten unter euch“ übersetzten, ein spirituelles Verständnis („innerlich in euch“) nur als eine von mehreren Interpretationsmöglichkeiten aufführen, mit der aber „der ursprüngliche Sinn noch nicht erhoben“ wäre und ihre Überlegungen zu Lukas 17,20b–21 mit dem Satz beschließen: „Das Wort bleibt ein Rätsel.“ (A S. 238f.), entscheiden sie sich jetzt für eine spirituell-verinnerlichende Interpretation. Sie nennen Lukas 17,21 gleich den „Spruch vom ‚Gottesreich in euch‚“, übersetzen entsprechend und beenden ihre diesbezüglichen Ausführungen nun mit dem Satz: „Das Wort bleibt zwar ein Rätsel, aber die Deutung auf das Innere des Menschen ist die wahrscheinlichste.“ (B S. 241f.)

Im Grunde jedoch sind ihnen die Worte Jesu, mit denen er die Gegenwart des Reiches Gottes postuliert, unverständlich und für sie unerschließbar („Viel rätselhafter als Erfüllungs- und Kampfworte sind die Aussagen vom Anbruch der Gottesherrschaft“, B S. 241). Im gesamten Kapitel 3.2 „Die gegenwärtige Gottesherrschaft“ bleibt es letztlich bei der Quintessenz: „Rätselhaft (…) wird in Gleichnissen und paradoxen Wendungen zum Ausdruck gebracht, dass der Anbruch der Gottesherrschaft schon geschehen ist.“ (Ebd. S. 242). Abgesehen davon, dass Jesus nie vom „Anbruch der Gottesherrschaft“, sondern immer von seiner Präsenz, also seiner vollgültigen Gegenwart spricht, zeigt sich hier exemplarisch, dass der Kern der Botschaft Jesu, die Präsenz des Reiches Gottes, immer noch – nach zweitausend Jahren und nach zwei Jahrhunderten historisch-kritischer Exegese – und weiterhin eine terra incognita darstellt. Unsere Entdeckungsreise aber, die mit den für das jesuanische Evangelium so zentralen Worten ἐντὸς ὑμῶν ἐστιν, entòs hymõn estin, „mitten unter euch ist es“ endet – mit dem estin, „es ist“ betont am Schluss –, hat Licht ins Dunkel gebracht, hat das Rätsel gelöst: Reich Gottes ist für Jesus kein objektiver Begriff für den Idealzustand der Welt, bezeichnet aber ganz sicher auch keine spirituell-innerliche Größe (immer steht das Reich Gottes in seinen Worten mit einem konkreten Verhalten in unmittelbarer Verbindung), sondern qualifiziert eine spezifische Existenzweise, eine solche nämlich, die einer nicht-objektivierenden Wahrnehmung der Welt entspricht und mit der sich somit unsere existenzielle Verbundenheit mit ihr realisiert. Das Reich Gottes ereignet sich, man hat teil daran, man ist eingebunden und eingebettet in den großen, „göttlichen“ Zusammenhang und erfährt ihn als einen solchen, wenn man ihm gemäß, nämlich weltverbunden lebt. Und ja, diese Möglichkeit, diese Realität, sie ist „mitten unter uns“. Wer mitten in ihr lebt, nimmt sie wahr.

 

Schlussbetrachtung

 

Es ist da. Es wird gelebt. Man kann es finden.

Abschließen soll dieses letzte Kapitel zu den Jesusworten im Neuen Testament der so ausgesprochen bedeutsame letzte Satz dieses 21. Jesusworts:

Siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch.

Das Reich Gottes kommt nicht erst, man muss auch nicht danach suchen. Überall und in jedem Augenblick kann man darauf stoßen wie auf einen „Schatz im Acker“. Mitten unter uns sind Menschen, die es leben. Jederzeit haben wir die Möglichkeit, das gute und richtige Leben zu ergreifen. Es ist nicht fern und unerreichbar. Es ist uns auch nicht fremd. Wie geschaffen sind wir dafür, jede:r Einzelne von uns.

Claus Petersen

Eine PDF-Datei dieses Kapitels finden Sie hier.


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