Kapitel 16

RICHTIG LEBEN – HIER UND JETZT

DIE WELT-RELIGION JESU

BASISKURS BASILEIOLOGIE

 

 

„Er weiß selbst nicht wie. Von selbst bringt die Erde Frucht.“

Das Gleichnis von der von selbst fruchtbringenden Erde (Markus 4,26–28)

Das fünfte der 21 Jesusworte

 

Kurz nach dem Gleichnis von der Aussaat überliefert das Markusevangelium ein weiteres Gleichnis, das von der Entwicklung jetzt eines einzelnen ausgesäten Samenkorns erzählt. Dass es um das „Reich Gottes“ geht, wird gleich zu Beginn ausdrücklich festgestellt. Und es bezieht sich auf die Gegenwart. Nichts spricht dagegen, dass es sich hier mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit um ein echtes Jesuswort handelt. Das Gleichnis lautet:

 

Mit dem Reich Gottes verhält es sich so,
wie wenn ein Mensch Samen auf die Erde gestreut hat,
und er schläft ein und er erwacht, Nacht und Tag,
und der Same sprosst und wird groß –
er weiß selbst nicht wie.
Von selbst bringt die Erde Frucht:
zuerst den Halm,
dann die Ähre,
schließlich das voll ausgereifte Korn in der Ähre.

 

„Er weiß selbst nicht wie. Von selbst bringt die Erde Frucht.“ Diese Worte bilden die Mitte dieser Geschichte. „Von selbst“, wortwörtlich „automatisch“ (automátä im griechischen Urtext) – das ist das entscheidende und deshalb auch betont an den Anfang des Schlussteils gestellte Stichwort. Es ist wie ein Wunder, was sich da entwickelt. Mit dem Verstand ist es nicht zu begreifen. Ausführlich, in drei Stufen, wird ausgemalt, wie die Erde Frucht bringt: „zuerst den Halm, dann die Ähre, schließlich das voll ausgereifte Korn in der Ähre“. Das eine folgt auf das andere, es wächst und gedeiht, bis es ausgereift ist. Und das alles geschieht „von selbst“, ohne Zutun des Menschen.

Und auch diese völlige Passivität wird ausführlich geschildert, ebenso detailliert wie dann die „aktive“ Entwicklung des ausgestreuten Samens: Der Mensch, der ihn gesät hat, „schläft ein und er erwacht, Nacht und Tag“, während gleichzeitig „der Same sprosst und groß wird“. Vom Einschlafen und vom Aufwachen ist die Rede, in dieser Reihenfolge, nicht umgekehrt. Zuerst wird die Nacht genannt, dann erst der Tag. Nicht der Tagesrhythmus wird geschildert, sondern der Rhythmus der Nacht und des Schlafs. Natürlich, nicht ganz zu vergessen: Immerhin hat der Mensch den Samen ausgestreut. Aber auf das Wachsen und Reifen des Samens hat er keinerlei Einfluss. Dies geschieht ganz von selbst. Unterstrichen wird dies dadurch, dass die üblicherweise nach der Aussaat noch erforderlichen Tätigkeiten des Bauern wie das in Palästina erst zu diesem Zeitpunkt erfolgende Pflügen, das Eggen und das Jäten gewiss mit Absicht vollkommen verschwiegen werden. Akteur ist jetzt nicht mehr der Mensch, und zwar in keinerlei Weise, sondern – die Erde.

Und das ist schon auffällig. Traditionelles, frommes Denken würde dieses wunderbare Geschehen vermutlich auf Gott zurückführen. Jesus aber – die biologischen Hintergründe waren damals noch nicht bekannt – schreibt es der Erde zu. Sie ist es, die „automatisch“, von selbst, aus eigenem Antrieb, Frucht bringt. Neben dem Menschen, der den Samen ausstreut, aber eben ausdrücklich auch nur in dieser Funktion, ist sie die entscheidende und eine eigenständige Akteurin. Es ist die Erde, auf die jener Mensch den Samen gestreut hat – gleich zu Beginn begegnet jenes Wort zum ersten Mal. Hier könnte sie noch wie ein reines Objekt erscheinen. Aber sie ist nicht passiv und an allem Weiteren unbeteiligt, sondern entwickelt ihre eigene Dynamik. Sie spielt nicht nur mit, sondern spielt, wenn jemand den Anstoß gegeben hat, gleichsam alleine weiter.

Und da kann es geschehen – das ist ja wohl die eigentliche Botschaft dieses Gleichnisses, dieses automátä –, dass ein solches kooperatives Handeln wie von selbst „Frucht bringt“. Dass daraus etwas entsteht, das wir nicht mehr selbst bewirken. Dass ohne unser weiteres Zutun etwas eine Eigendynamik entwickelt, einfach weil es richtig war, zur richtigen Zeit geschah und dadurch etwas in Bewegung gebracht hat, als ob es nur auf jenen kleinen Impuls gewartet hätte. Können „Wunder“ geschehen, positive Kräfte freigesetzt werden, kann unerwartetes Gutes erblühen, wenn sie durch ein diesem Zusammenhang gemäßes, aus ihm selbst hervorgegangenes menschliches Handeln „angestoßen“ werden? Ist es der Weltzusammenhang selbst, der das richtige Handeln des Menschen manchmal aus sich selbst heraus weiterentwickelt? Es ist eine völlig neue und sehr ungewöhnliche Sicht der Welt und unserer eigenen Bedeutung in ihr, die Jesus in diesem Gleichnis darlegt. Zu Beginn des ersten Teils der Geschichte handelt der Mensch in Bezug auf die Erde, zu Beginn des zweiten Teils ist sie selbst das Subjekt. Es ist nicht das Gleichnis von der selbstwachsenden Saat, wie diese Geschichte oft tituliert wird, sondern die Erzählung von der von selbst fruchtbringenden Erde. Die Erde ist das Subjekt, auf sie, auf sie allein, bezieht sich das „von selbst“. Der Mensch ist unentbehrlich in diesem großen Zusammenhang, aber es ist manchmal beinahe unbegreiflich, was sich, und zwar jetzt unabhängig von ihm, aus diesem Zusammenspiel ergibt.

So verhält es sich mit dem „Reich Gottes“, so geschieht es, und auch dies, dieses Unbegreifliche und Wunderbare, macht es aus. Nicht das „Reich Gottes“ selbst ist es also, das wächst und sich entfaltet, wie dieses Gleichnis so gut wie immer verstanden wird. Doch hat ja keine außerweltliche Gottheit den „Samen des Reiches Gottes“ auf die Erde gestreut, sondern ein Mensch hat aus seiner Erd- oder Weltverbundenheit heraus – weil er, wie Jesus gesagt hätte, am „Reich Gottes“ teilhat – „richtig“ gehandelt. Eben dadurch und durch alles Weitere ereignet sich „Reich Gottes“.

Mit den Worten „schließlich das voll ausgereifte Korn in der Ähre“ findet das Gleichnis seinen organischen und höchst poetisch gestalteten Abschluss. Auf dieses nach der ausführlich geschilderten bis auf das Aussäen des Samens auf die Erde ganz zu Beginn praktisch vollkommenen Untätigkeit des Menschen ganz unerwartete „Wunder“, das die Erde dann vollbringt, will es hinaus.

Im Markusevangelium folgt jetzt allerdings noch ein weiterer Satz: „Wenn es die Frucht zulässt, schickt er sogleich die Sichel, denn die Ernte ist da.“ Hier wird eine endzeitliche Gerichtsankündigung im Buch Joel zitiert: „Schickt die Sichel, denn die Ernte ist reif!“ (4,13a) „Sichel“ und „Ernte“ sind geläufige Metaphern für das apokalyptische Weltgericht (zum Beispiel in Offenbarung 14,14–16) – ein mit den vorangehenden Versen in keinerlei Verbindung stehender Gedanke. „Durch den Bauer guckt der Weltrichter hervor, der hier nichts zu tun hat“, bemerkte Julius Wellhausen (1844–1918), einer der Begründer der historisch-kritischen Methode in der Bibelwissenschaft, dazu (Das Evangelium Marci, übersetzt und erklärt von J. Wellhausen, Druck und Verlag von Georg Reimer, Berlin 1903, S. 36). So ist auch dieses mittlerweile fünfte Jesuswort in Folge durch eine verfremdende oder befremdliche Erweiterung verdunkelt, entstellt und, jedenfalls für die damaligen Rezipienten, um seine ursprüngliche Leucht- und Durchschlagskraft gebracht worden. Offensichtlich meinte man, gerade diese Worte noch mit einem altbekannten theologischen Thema „impfen“ zu müssen. Ohne den „alten Stoff“ kam man schon jetzt nicht mehr aus. Aber man kann auch noch gut erkennen, wie nutzlos die alten Gefäße angesichts dieser neuen Botschaft geworden sind. Wahrscheinlich war denn auch dieser später angehängte Satz für die noch immer gängige Titulierung als „das Gleichnis von der (selbstwachsenden) Saat“ zumindest mitverantwortlich. In ihm spielt das Thema des eigentlichen Gleichnisses, nämlich die von selbst, ohne Zutun des Menschen Frucht bringende Erde, keine Rolle mehr, vielmehr zielt es jetzt auf die Ernte des ausgesäten Getreides, also auf das apokalyptische Weltgericht.

Aber immerhin enthält das Markusevangelium noch den ursprünglichen Text. Er lässt sich ohne größere Probleme noch rekonstruieren. „Matthäus“ und „Lukas“ jedoch haben – entgegen ihrer üblichen Vorgehensweise – dieses Jesusgleichnis gleich gar nicht mehr in ihr eigenes Evangelium aufgenommen. Ob es an der Weltbezogenheit der Jesusbotschaft liegt, den dieses Gleichnis so eindrücklich entfaltet und für die mittlerweile jedes Verständnis abhandengekommen war? Oder konnten sie die Betonung der völligen Untätigkeit des Menschen nach der Aussaat, dieses „von selbst“ einfach nicht mehr nachvollziehen? Für das sich bildende Christentum scheinen die Jesusworte unbrauchbar zu werden – und ohne redaktionelle Eingriffe kann man sie offenbar allesamt überhaupt nicht mehr verwenden. Glücklicherweise hat jedenfalls „Markus“ dafür gesorgt, dass dieses Gleichnis uns doch noch überliefert ist, trägt es doch ganz maßgeblich dazu bei, die Botschaft Jesu als eine ganz und gar neue Religion, eben als „Welt-Religion“, also einer Religion, die sich weder auf Gott noch auf das Jenseits, sondern auf die Erde, auf die Welt bezieht, zur Anschauung zu bringen.

Claus Petersen

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