Exkurs 4

RICHTIG LEBEN – HIER UND JETZT

DIE WELT-RELIGION JESU

BASISKURS BASILEIOLOGIE

 

 

Die Zweiquellentheorie

 

Welche geschichtlichen Quellen stehen uns zur Verfügung bei unserem Versuch, der Botschaft des historischen Jesus auf die Spur zu kommen? Es sind im Grunde einzig und allein die ersten drei Evangelien des Neuen Testaments, also jene später Matthäus, Markus und Lukas zugeschriebenen Bücher. Das vierte und, wie wir heute wissen, jüngste der vier Evangelien, das später dem Jesusjünger Johannes zugeschrieben wurde, unterscheidet sich grundlegend von ihnen. Man bezeichnet es wohl am besten als einen hochtheologischen Jesusroman: Kein einziges der Worte, die Jesus hier spricht, beziehungsweise der Reden, die er hält, gehen auf den geschichtlichen Jesus von Nazaret zurück. Sie sind ihm vielmehr allesamt vom Verfasser, dem theologischen Konzept entsprechend, das dieser verfolgte, in den Mund gelegt worden. Für die Frage nach der eigentlichen Jesusbotschaft fällt es somit völlig aus. Im gesamten übrigen Neuen Testament spielt das jesuanische Evangelium keine Rolle mehr. Zwar ist nicht auszuschließen, dass auch in Büchern, die später nicht ins Neue Testament aufgenommen worden sind, aber in den frühen Gemeinden im Umlauf waren, etwa in der ältesten Schicht des Thomasevangeliums, „echte“, also authentische Jesusworte vorliegen könnten, doch reichen die ersten drei biblischen Evangelium vollkommen aus, um die ursprüngliche Jesusbotschaft zu identifizieren.

Aber auch hier liegen die Dinge relativ kompliziert. Einerseits weisen diese Evangelien, sowohl hinsichtlich der Gesamtkonzeption als auch hinsichtlich der Inhalte, viele Gemeinsamkeiten auf. Man nennt sie deshalb auch, abgeleitet vom griechischen Wort synópsis, was „Zusammenschau“ bedeutet, „synoptische Evangelien“ oder „Synoptiker“. Es gibt Bücher, sogenannte Synopsen, in denen diese Evangelien in Spalten nebeneinander abgedruckt sind, um sie von vornherein zusammen betrachten und miteinander vergleichen zu können. Andererseits stellt man dann allerdings auch gravierende Unterschiede fest, die sich nicht harmonisieren lassen. So stehen sowohl im Matthäusevangelium als auch im Lukasevangelium zahlreiche Texte, die im Markusevangelium fehlen. Das Markusevangelium umfasst denn auch lediglich 16 Kapitel, das Matthäusevangelium und das Lukasevangelium dagegen 28 beziehungsweise 24. Von den in diesen beiden Evangelien über Markus hinausgehenden Texten findet sich wiederum ein Teil sowohl bei Matthäus als auch bei Lukas, während die übrigen nur von Matthäus beziehungsweise nur von Lukas überliefert werden.

Wie sind diese Gemeinsamkeiten und diese Unterschiede zu erklären? Wenn sowohl Matthäus als auch Lukas praktisch das gesamte Markusevangelium (auf Ausnahmen werde ich noch zu sprechen kommen) in ihre Evangelien aufgenommen haben, muss ihnen, auch wenn der Wortlaut durchaus nicht immer identisch ist, bei der Abfassung ihrer Bücher das Markusevangelium als eine der Quellen, aus denen sie geschöpft haben, bereits vorgelegen haben. Und wenn darüber hinaus weitere Texte zwar nicht bei Markus, aber sowohl bei Matthäus als auch bei Lukas vorkommen, haben beide als zweite Quelle offensichtlich noch ein weiteres Evangelium benutzt. Dieses Evangelium ist uns zwar nicht mehr erhalten, lässt sich aber eben aus den Gemeinsamkeiten bei Matthäus und Lukas rekonstruieren. Da es fast ausschließlich aus Worten besteht, die Jesus zugeschrieben wurden, nennt man es Logien- (von griechisch lógos = Wort, Ausspruch) oder Spruchquelle. In der neutestamentlichen Wissenschaft wird diese Annahme zusammenfassend als Zweiquellentheorie bezeichnet. Sie ist in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelt worden und hat sich weitgehend durchgesetzt. Diejenigen Texte schließlich, die nur Matthäus beziehungsweise nur Lukas darüber hinaus jeweils noch in ihre Evangelien aufgenommen haben, werden als „Sondergut“ des Matthäus beziehungsweise des Lukas klassifiziert.

Woher aber kommt nun diese zweite Quelle? Vermutlich wurden noch zu Lebzeiten Jesu seine Worte unter seinen Anhängern mündlich weitergegeben. Wahrscheinlich ging man schon bald nach seinem Tod daran, sie jetzt auch schriftlich festzuhalten. Vielleicht entstanden zunächst kleinere Spruchsammlungen, aus denen sich später dann die Logienquelle entwickelt hat. Diese Quelle weist noch eine weitere auffällige Besonderheit auf: Sie enthält (wie auch das „apokryphe“, also nicht ins Neue Testament aufgenommene Thomasevangelium) keine Passions- und keine Auferstehungserzählung. Bedeutsam und so wichtig, dass sie sie wohl schon sehr bald schriftlich fixiert und zusammengestellt haben, waren für die Menschen, auf die die Logienquelle zurückgeht, also nicht der Kreuzestod Jesu (und seine Auferstehung), sondern seine Worte, seine Botschaft.

Claus Petersen

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